Obwohl Theaterstück und Comic nicht unterschiedlicher sein könnten, beschäftigen sich das Theaterstück «Der gute Mensch von Sezuan» und der Comic «Tim und Struppi: Der Blaue Lotos» beide mit Missständen im China der 30er Jahre.

Das Theaterstück «Der gute Mensch von Sezuan» von Bertolt Brecht spielt in der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sezuan in den 1930er Jahren. Wang, ein Wasserverkäufer, erwartet drei Götter, die prüfen wollen, ob es noch gute Menschen gibt. Shen Te, eine Prostituierte, ist bereit, die Götter bei sich übernachten zu lassen. Als Dank für die Unterkunft schenken die Götter Schen Te tausend Silberdollar, von denen sie einen kleinen Tabakladen eröffnen kann. Schon sehr bald wollen viele von Shen Tes neuem Wohlstand profitieren oder fordern direkt Geld von ihr. Da sie sehr gütig ist, will sie dem alles nachkommen. Doch sie merkt auch, dass sie so ihrem Geschäft schadet. Ihre Zerrissenheit zeigt sich in folgender Aussage, die sie zu der Familie spricht, die sie in ihrem Laden wohnen lässt: «Oh, schont den Laden, zerstört nicht alles! Er ist ein Geschenk der Götter! Nehmt euch, was da ist, aber zerstört es nicht!» (Der gute Mensch von Sezuan S. 28) Um ihr Geschäft zu retten und durchgreifen zu können, erfindet sie einen Cousin: Shui Ta. Shen Te tritt als Shui Ta auf und bringt vieles in Ordnung. Doch Shen Te muss ihrer Vermieterin noch sechs Monatsmieten im Voraus bezahlen. Shen Te erhofft sich mit einer Heirat, ihre finanzielle Lage zu verbessern. Jedoch verliebt sie sich in den arbeitslosen Piloten Yang Sun, der sie auch für Geld ausnutzt und zu dem sie natürlich auch gütig ist. Sie trennen sich nach einiger Zeit, doch Shen Te wird durch Sun schwanger. Für ihr Kind entscheidet sich Shen Te, eine Tabakfabrik zu eröffnen, in der viele unter schlechten Bedingungen arbeiten. Doch die Fabrik ist erfolgreich. Da Shen Te nur noch als Shui Ta auftritt, wird Shui Ta verdächtigt, Shen Te getötet zu haben, und er wird vor ein Gericht gestellt, bei dem die drei Götter die Richter sind. Shen Te offenbart, dass sie sich als Shui Ta verkleidet hat, denn sie konnte nicht gleichzeitig gut zu sich und zu anderen Menschen sein. Die Götter wollen nicht einsehen, dass man ihre Gebote gar nicht einhalten kann, und sie verlassen danach die Erde. Das Ende wird offengelassen, doch die Zuschauer werden aufgefordert, über das Ende nachzudenken:
«Der einzige Ausweg wär aus dieser Ungemacht:
Sie selber dächten auf der Stelle nach Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.» (Der gute Mensch von Sezuan S. 135)
Das Ende entspricht einem wichtigen Punkt in Brechts epischem Theater: Kunst soll den Menschen anregen, nachzudenken und sich selbst eine Meinung zu bilden. Brecht lehnt die Katharsis von Aristoteles ab und will die Identifikationsbildung des Zuschauers verhindern. Dies erzielt er mit dem sogenannten Verfremdungs-Effekt. Figuren handeln zum Beispiel bewusst absurd, damit die Zuschauer mit den Figuren nicht nachempfinden können. Oder das Theater wird wie hier durch Lieder unterbrochen, damit man merkt, dass es eine künstliche Handlung ist, die zum Nachdenken anregen soll. So handelt auch Shen Te oft dumm, was dazu führt, dass man sich mit ihr gar nicht identifizieren will. Auch die drei Götter sind seltsam. Sie versuchen, auf der Welt gute Menschen zu finden, um nichts an der Welt verändern zu müssen. Die Götter wissen aber nicht viel über ihre Macht und sie sind wirtschaftlich beschränkt. Die Götter kommen auf die Erde und sehen, dass man in ihrem System gar nicht gut handeln kann, wenn man überleben will, doch um nichts verändern zu müssen, erklären sie Shen Te, obwohl sie Schlechtes getan hat, zum guten Menschen.
Das Stück «Der gute Mensch von Sezuan» entstand auf Brechts Flucht vor den Nazis, denn er war Kommunist. Auch in diesem Stück findet man diesen Aspekt von Brecht. Er kritisiert den Kapitalismus, wie es ihn damals in China, aber auch auf der ganzen Welt gab. Somit sagt Brecht mit dem Theater, dass man in diesen Strukturen gar nicht schlecht sein kann, denn nur so kann man überleben. Moral ist davon abhängig, ob es den Menschen gut geht. Die schlechten Menschen im Stück sind auch nur Opfer des kapitalistischen Systems. Man muss also das System ändern, wenn es den Menschen unmöglich macht, gut zu sein.
Als ich «Der gute Mensch von Sezuan» las, erinnerte mich der Text an einen Comic, welchen ich als Kind sehr gerne las. Nämlich «Tim und Struppi: Der Blaue Lotos», welcher auch im China der 1930er Jahre spielt. Es ist ein Comic des belgischen Zeichners Hergé und erschien 1934.
Tim, ein belgischer Reporter, beschäftigt sich mit einem Gift, welches seine Opfer verrückt macht. Eine Spur veranlasst ihn, nach Shanghai zu reisen. In China entdeckt er, dass Mitsuhirato, ein japanischer Spion, mit einer Bande Opium schmuggelt und ein Attentat verursacht, um eine japanische Invasion zu rechtfertigen. Mit Wangs Widerstandsgruppe und seinem neuen Freund Tschang schafft es Tim, das Ganze aufzudecken. Er besiegt die Schmuggler und Japan zieht sich zurück. Die Geschichte bezieht sich auf reale Ereignisse, auch wenn einiges verändert wurde. Japan nutzte als Rechtfertigung für das Besetzen der Mandschurei einen von ihnen verursachten Anschlag auf eine Bahnlinie.
In Shanghai herrschte zu dieser Zeit grosse Ungerechtigkeit und die Leute litten unter dem westlichen Imperialismus. Die Industrialisierung führte zu extremer Armut, die im Kontrast zu dem extremen Reichtum der westlichen Industriellen stand. Dazu kamen Prostitution, Kriminalität, Opiumhandel und der Bürgerkrieg zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei.
Wesentliche Gemeinsamkeiten:
Im Comic wird der westliche Einfluss in China in verschiedenen Szenen negativ dargestellt. Etwa durch einen korrupten Polizeichef der internationalen Niederlassung oder durch einen amerikanischen Industriellen, der einen Chinesen schlägt:

Später macht sich Hergé mithilfe der gleichen Figur über die imperialistische Rechtfertigung lustig, anderen Völkern die Zivilisation zu bringen:

Auch mit dem Bekämpfen des Opiumschmuggels könnte Hergé den Westen indirekt kritisieren. Denn das Opium wurde von den Briten im 19. Jahrhundert nach China gebracht. Die Briten wollten in China Waren absetzen und schufen so Nachfrage. Brecht kritisiert den Westen, jedoch auf eine andere Weise. Da er mit seinem Theater den Kapitalismus kritisiert, kritisiert er indirekt auch den Westen. Denn der Kapitalismus stammt aus dem Westen und wurde mit dem westlichen Imperialismus nach China gebracht.
Im Theaterstück «Der gute Mensch von Sezuan» spielt Armut eine zentrale Rolle. Die ganze Geschichte handelt von einer armen Prostituierten, die ständig mit der Armut in Kontakt kommt. Zum Beispiel mit der Familie, die bei ihr einzieht, Sun, der kein Geld hat, um eine Stelle zu erhalten, Wang, der unter einer Brücke schläft, oder auch das arme Kind, welches Shen Te dazu bewegt, die Tabakfabrik zu eröffnen. «Es hat Hunger. Es fischt im Kehrichteimer. […] Sie beteuert ihre Entschlossenheit, ihr eigenes Kind keinesfalls mit solcher Unbarmherzigkeit zu behandeln.» (Der gute Mensch von Sezuan S. 97) Auch die Ungleichheit kommt zum Ausdruck: Der Laden ist zum Beispiel schön eingerichtet worden mit Klubsesseln und schönen Teppichen, während immer noch eine grosse Armut herrscht. Im Comic wird die Armut nicht konkret thematisiert, doch sie ist an wenigen Stellen sichtbar. Beispielsweise sind Chinesen oft sehr dünn dargestellt, wie man bei jenem in Bild 2 sehen kann. Auch die Ungleichheit ist ersichtlich. In folgendem Abschnitt ist der amerikanische Industrielle zu sehen, der ein schönes Cabriolet fährt, während dem die Chinesen hier und auch grösstenteils im ganzen Buch als eher arm dargestellt werden.

Wesentliche Unterschiede:
«Der Blaue Lotos» kritisiert viel den Kolonialismus und Imperialismus des Westens und Japans. Die britische Polizei der internationalen Niederlassung und die Japaner sind die Antagonisten:

Unser Protagonist Tim wird von diesen Imperialisten verfolgt, und sie bringen mit ihrem Opium und mit der japanischen Invasion Unheil nach China. Sie werden also negativ dargestellt. Zusätzlich wird mit einer emotionalen Geschichte um den Sohn einer Nebenfigur, die Leser verstärkt gegen die Antagonisten gerichtet. Auch wird sich über sie lustig gemacht:

Im Theater hingegen wird vor allem der Kapitalismus kritisiert, und der Imperialismus nur indirekt.
Der Comic gibt uns Helden, mit denen wir uns identifizieren können. Tim handelt moralisch, daher wollen wir, dass er gewinnt, und die Antagonisten sollen verlieren. Wie es bei Brechts epischem Theater vorgesehen ist, soll man sich nicht mit einem Charakter identifizieren können. Daher gibt es in «Der gute Mensch von Sezuan» keine klaren Helden. Wir sympathisieren zwar mit Shen Te, finden aber auch, dass sie falsch handelt, und können sie nicht verstehen. Sun könnte man als Antagonisten sehen, doch der echte Antagonist im Theater ist nicht ein Mensch, sondern das System. Die beiden Werke geben uns jeweils eine unterschiedliche Antwort auf die Frage, wer für das Schlechte verantwortlich ist. Hergé gibt uns Menschen, denen wir die Schuld geben können. Bei Brecht ist das System für das Schlechte verantwortlich.