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Spuren der Moderne im literarischen Realismus

22. Januar 2026

Die literarische Tradition und die literarische Moderne sind zwei Gegensätze. Jedoch lassen sich auch schon Elemente der Moderne in der Epoche zuvor, dem Realismus, finden. Aufzeigen lässt sich das anhand von einigen Strukturelementen im Roman «Der Spieler» von Dostojewski.

Symbolbild zum Spiel Roulette, welches im Roman «Der Spieler» oft gespielt wird.

Im Deutschunterricht beschäftigten wir uns mit den Unterschieden zwischen der literarischen Tradition und der literarischen Moderne. Der Begriff «literarische Moderne» beschreibt Literatur, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde und sich gegen die Tradition stellte. Gestaltungsmittel der traditionellen Literatur werden abgelehnt. Stattdessen werden Inhalt und Form als eine untrennbare Einheit angesehen. Wie Dinge gestaltet sind, also die Form, das trägt auch Inhalt.  Der Begriff ist keine temporale Bezeichnung, denn traditionelle Literatur gab es auch mit der Modernen immer noch. Die moderne Literatur soll die veränderte Realität und das veränderte Lebensgefühl aufgreifen und behandeln. Die fundamentalen Unterschiede zwischen der Moderne und der Tradition lassen sich an fünf Strukturelementen erklären:

1.        Figurengestaltung

In der traditionellen Literatur sind Figuren psychologisch feste und kohärente Individuen. Die Hauptfigur ist meistens ein Held. Die Figuren sind in sich geschlossen und sind bestimmt von bestimmten Charaktereigenschaften. Sie sind ein Ausdruck eines bestimmten Menschenbildes. In der modernen Literatur hingegen sind es keine festen Figuren mit einer gleichbleibenden Persönlichkeit, sie sind in sich gespalten. Sie sind triebgesteuert und von ihrem Umfeld beeinflusst. Die Figuren sind ein Ausdruck der sozialen, psychologischen und gesellschaftlichen Zustände.

2.        Erzähler

Der Erzähler in der traditionellen Literatur ist eine verlässliche Instanz der Vermittlung. Üblicherweise handelt es sich um einen personalen oder allwissenden Erzähler. Im Gegensatz zur modernen Literatur hat der Erzähler in der traditionellen Literatur einen festen Blickpunkt.  Der Erzähler in der Moderne hat eine subjektive Perspektive, was ihn unter anderem zu keiner verlässlichen Instanz der Vermittlung macht.  Oft kommt ein personaler Erzähler vor, welcher ein Ausdruck der erzählten undurchschaubaren Welt sein kann.

3.        Wirklichkeitsgestaltung

Die traditionelle Literatur will mit der Wirklichkeitsgestaltung eine Mimesis konstruieren, also eine Nachahmung der Wirklichkeit. Infolgedessen ist die Welt auch stimmig und logisch. In der Moderne wird keine einheitliche Wirklichkeit dargestellt. Eine sichere Perspektive gibt es nicht mehr. Um den Leser auch auf die Ebene der Sprache fokussieren zu lassen, wird die Realität oft bewusst als Konstrukt gezeigt.

4.        Sprache

Die Sprache wird von der traditionellen Literatur als Werkzeug zur Darstellung der Wirklichkeit verstanden. Um den Inhalt mit dem dazu passenden Sprachmaterial darzustellen, sind bildhafte und symbolische Elemente enthalten. Sprache hat in der modernen Literatur hingegen nicht nur die Funktion, Informationen zu vermitteln, sondern sie trägt selbst Bedeutung. Das wird durch die syntagmatische und paradigmatische Ebene geschaffen. In der syntagmatischen Ebene werden Wörter horizontal kombiniert. Durch diese Nachbarschaften entsteht Bedeutung. Die paradigmatische Ebene wählt aus einer Auswahl von vielen Wörtern ein bestimmtes aus, um mit gewissen Wörtern Konnotationen auszulösen. Die Sprache ist also assoziativ.

5.        Wirkungsabsicht

Der Leser soll sich mit der Figur in der traditionellen Literatur identifizieren können. Der Autor lenkt den Leser durch den Text und zeigt ihm, was er verstehen soll. Die Literatur der Moderne dient als Spiegel und Reflexion der eigenen Zeit. Es wird bewusst eine Verfremdung erzeugt, damit keine Identifikation entsteht. So liest der Leser distanziert und bewusst. Er versteht den Text mit einer kritischen Sicht und reflektiert darüber. Der Leser wird zum Nachdenken ermutigt. 


Analyse der traditionellen und modernen Elemente im Roman «Der Spieler»

Im nächsten Teil will ich für den Roman «Der Spieler» von Fjodor Dostojewski die verschiedenen Strukturelemente erklären und untersuchen, ob die einzelnen mehr zur traditionellen Literatur und damit dem poetischen Realismus oder der modernen Literatur zugehören. Der Roman erschien 1967 und gehört damit zeitlich und auch theoretisch zum poetischen Realismus (literarische Tradition). Dennoch lassen sich darin auch Elemente der literarischen Moderne erkennen. Der Realismus entstand nach politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeiten. Die Autoren grenzen sich davon ab. Literatur soll nicht politisch anregen, sondern sie Wirklichkeit künstlerisch darstellen. Soziale Missstände sind zwar wichtig, die Realität wird aber anhand einer oft bürgerlichen Figur und deren Charakter dargestellt. Die Wirklichkeit wird bearbeitet, also poetisiert, damit das Wesentliche sichtbar wird. Damit ist das Ziel, das Verständnis.

Der Ich-Erzähler Alexej Iwanowitsch erzählt im Roman von seinen Erlebnissen als Hauslehrer bei der Familie eines Generals in Roulettenburg, einem fiktiven deutschen Kurort. Alexej ist in Polina verliebt, sie aber nicht in ihn. Die Familie ist finanziell in einer schlechten Lage und wartet darum auf den Tod der reichen Tante des Generals. Durch die Umstände, die Alexej durchlebt, gerät er schlussendlich in die Spielsucht.

Strukturelemente:

1.        Figurengestaltung

Die Figuren, vor allem die Hauptfigur Alexej, entsprechen mehr den modernen Elementen. Er hat keine feste Persönlichkeit und ist in sich gespalten. Zum einen liebt er Polina, obwohl sie ihn schlecht behandelt und ausnutzt. Aber genau aus diesen Gründen hasst er sie auch. Polina kann ihn dazu bringen, für sie ins Casino spielen zu gehen, obwohl er eigentlich ein rationaler und beherrschter Mensch ist. Diese Liebe macht ihn auch zu einer triebgesteuerten Figur. Er unterwirft sich ihr und sie demütigt ihn mit Genuss. Alexejs innere Spaltung lässt sich an folgenden Sätzen zeigen. Er spricht ihn, nachdem er von Polina gedemütigt, beherrscht und unterdrückt wurde. «Für wen hielt sie mich eigentlich nach alledem? Das lief auf mehr als Sklaverei, mehr als letzte Missachtung hinaus. Wer so blickt, hebt dann den Menschen zu sich empor. Darum: Wie ungereimt, wie sinnlos unser Gespräch auch gewesen sein mochte, mir erbebte dich das Herz im Leibe.» (Seite 45) Alexej ist auch Ausdruck von sozialen, psychologischen und gesellschaftlichen Umständen, nämlich der Spielsucht. Hier lassen sich aber auch Elemente des poetischen Realismus erkennen: Die Realität wird an Figuren und deren Charakteren gezeigt.

2.        Erzähler

Der Erzähler, Alexej selbst, ist eigentlich eine verlässliche Instanz, jedoch hat er als personaler Erzähler eine subjektive Perspektive. Damit kann seine Verlässlichkeit angezweifelt werden, da er Dinge auslassen kann. Manche emotionalen Situationen, bei denen es um das Verlieren bei Spielen geht, werden vom Erzähler mit weniger Emotionen und gleichgültiger erzählt als diese mit Polina. Zur Tradition gehörend, lässt sich feststellen, dass der Erzähler eine feste Perspektive hat. Es lassen sich also auch hier Elemente der Moderne und der Tradition finden.

3.        Wirklichkeitsgestaltung

Die Wirklichkeit ist gestaltet wie in der traditionellen Literatur. Wir erkennen: Die Welt ist ein Abbild unserer Realität. Sie ist logisch und kohärent. Leser von heute können allerdings durch die zeitlichen und kulturellen Unterschiede manchmal ein wenig verwirrt werden.  

4.        Sprache

Die Sprache ist zwar sehr emotionsvoll, aber sie trägt nicht selbst Bedeutung. Sie ist ein Werkzeug zur Darstellung der Wirklichkeit und arbeitet mit symbolischen und bildhaften Elementen. Wie zum Beispiel der Schlangenberg, der mehrmals in der Geschichte erwähnt wird. Alexej sagt, für Polina würde er sich von ihm herabstürzen. Dabei könnte der Schlangenberg als Symbol für Alexejs zukünftigen Absturz in die Spielsucht dienen. Oder er könnte ein Symbol für die Gefährlichkeit und Hinterlistigkeit des Glücksspiels stehen. Die Schlange symbolisiert Hinterlist, Bösartigkeit etc., wie es in der Geschichte von Adam und Eva dargestellt wird.

5.        Wirkungsabsicht

Hier lassen sich erneut Elemente von beiden Seiten feststellen. Der Leser wird durch den Autor durch den Text geführt. Er soll damit verstehen, was wichtig ist. Das gehört eindeutig zum Realismus und zur Tradition. Auch stellt der Text die Welt verständlich dar. Jedoch zur literarischen Moderne gehörend, können wir uns nicht mit den Figuren identifizieren. Auch ist der Roman in Teilen eine Reflexion oder ein Spiegel der Zeit. Das lässt sich vielleicht auf Dostojewski selbst übertragen, der selbst finanzielle Probleme und eigene Erfahrungen mit Spielsucht hatte.

Es lassen sich also in «Der Spieler» Elemente der literarischen Tradition und Moderne erkennen. Bei den Strukturelementen Figuren, Erzähler und Wirkungsabsicht hat der Roman sowohl Elemente der Tradition als auch Elemente der Moderne. Die Wirklichkeitsgestaltung und die Sprache sind jedoch traditionell gestaltete Strukturelemente. Was den Text zu einem Roman des Realismus macht, der schon moderne Elemente enthält. Das zeigt uns, dass der literarische Realismus eine Epoche vor der Moderne war, aber auch, dass Literatur immer eine Entwicklung ist.